Tag 02 | Sonnabend, 28. Mai

[dfd_heading enable_delimiter=“off“ title_google_fonts=“yes“ title_custom_fonts=“font_family:Open%20Sans%3A300%2C300italic%2Cregular%2Citalic%2C600%2C600italic%2C700%2C700italic%2C800%2C800italic|font_style:400%20regular%3A400%3Anormal“ style=“style_03″ title_font_options=“tag:h4″ subtitle_font_options=“tag:h5|font_style_italic:1″ subtitle=“Tag 02 | Sonnabend, 28. Mai“ subheading_margin=“margin-bottom:10px;“]“Meine Frau hat den Applaus verdient.“[/dfd_heading]

Ausgeschlafen? Bekannte Gesichter. Gegenseitiges Anlächeln mit müden Blicken. Der eine oder andere kauend, weil so viele Helfer dafür sorgen, dass niemand mit knurrendem Magen in den Tag starten muss. Und dass es auch an sonst nichts fehlt. Kaffee. Und mit dem Becher in der Hand in die Sonne.

Es ist Sonnabend. Tag zwei des AntiRa.

Kurz vor zehn Uhr. Nach und nach füllt sich der Rasen. Spiele beginnen. Pyrotechnik wird ausgepackt und hüllt die Umstehenden in dichten Rauch. Die einzelnen Fangruppen hängen ihre Banner an die Zäune. Immer mehr Zuschauer mischen sich unter die Teilnehmer. Gesänge. Gespräche. Viele neue Bekanntschaften.

Pappe, Kleber und Farbe. Vier Balken, die sich doppelt kreuzen und die so zusammengebastelt ein Gestell ergeben, in das 26 kleine Becher Bier auf einmal passen. Platz für einen Vorrat, um damit mehr als nur das eigene Team zu versorgen. Und unbeladen könnte es eine gute Deko für den Torbalken abgeben. Denkt sich einer der Jungs. Steht auf Zehenspitzen im Rücken des Torwartes auf dem Feld und versucht es auf der Latte auszubalancieren. Während die Partie gerade läuft. Es stört niemanden.

Mit zunehmender Dauer des Turniers ist es zumindest für mich sowieso ein Wunder, dass jeder der Akteure auf dem Feld noch erkennt, wem er den Ball gekonnt in den Lauf passen und wem besser nicht vor die Füße spielen sollte. Wer kann und zum Anpfiff auf dem Rasen steht, spielt. Egal, ob es gerade für das eigene Team ist, für ein befreundetes oder für eines,  das sonst in Unterzahl antreten würde.

Unterschiedlich farbige Trikots gemischt mit grünen Leibchen und nackten Oberkörpern. Tore. Jubel. Pyro.

Kleine Momente der Erholung. Neben dem Rasen liegend. Alle Viere von sich gestreckt. Oder nachgeholter Schlaf in einer ruhigen Ecke im Schatten.
Bis es am Nachmittag auch auf dem Rasen zwischenzeitlich ruhiger wird. Die Spiele unterbrochen werden und die Musik pausiert.

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In der Talk Lounge sitzen Marianne und Günther Wilke in den Ledersesseln auf dem Podium. „Meine Frau hat den Applaus verdient“, sagt Günther Wilke als sie das Mikrophon an ihn übergibt und die jungen Menschen auf den Stühlen im Zuschauerbereich der älteren Dame herzlich applaudieren. Er lächelt sie warm an. „Nicht immer kann sie so locker sprechen.“ Zu viele Emotionen mischen sich in die Erinnerungen.

Marianne Wilke wurde im Juli 1929 in Hamburg geboren. Im Publikum ist es still, als sie von ihrer Kindheit als Tochter einer deutschen Mutter und eines Vaters mit jüdischem Glauben erzählt, von zunehmenden Diskriminierungen bis hin zur Verfolgung. Von mutiger Hilfe von Lehrern und Freunden. Und von stillen Solidaritätsbekundungen. „Immer wieder lagen Lebensmittel vor unserer Tür. Aber niemand traute sich zu klingeln.“ Von einer Flucht nach England. Von der Deportation ihres Vaters, der das Konzentrationslager überlebte. Und von der Deportation ihrer Großeltern, von denen sie nie wieder etwas hörte.

„Vor kurzem waren wir in Riga“, übernimmt Günther Wilke das Wort. „Dort haben wir in einen Stein gemeißelt die Namen von Mariannes Großeltern entdeckt. Das war ein sehr emotionaler Moment.“ Stille. Mit einem Kloß im Hals.

Auch, weil der Kampf gegen den Faschismus bis heute nichts an seiner Aktualität verloren hat.

„Zwar sind beide Zeiten nicht miteinander vergleichbar – wir leben in keinem faschistischen Staat – aber die Ideologie ist nicht ausgerottet. Dagegen müssen wir aufstehen. Und deswegen gehen wir beide immer wieder auf Gegendemonstrationen.“ Marianne Wilke richtet sich auf im Sessel. „Wir können nicht mehr mitmarschieren, aber wir hören bei den Auftakt- und Endkundgebungen zu, diskutieren und setzen unsere Zeichen.“

Die Lehre aus der Vergangenheit müsse sein, dass sich jegliche Art von Rassismus verbietet und die junge Generation die Verantwortung übernehme, dass so etwas nie wieder passiert. „Wir gehen in die Schulen“, sagt sie. Etwa 20 Mal im vergangenen Jahr saßen beide in einer Runde mit Zehntklässlern oder angehenden Abiturienten zusammen. Und wenn nach ihren Schilderungen zunächst Stille unter den Jugendlichen herrsche, frage sie nach der Band Die Ärzte und zitiert aus einem Lied:

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.

„Dann nicken alle. Das kennen sie. Und dann kommen die richtigen Fragen – Was kann ich tun? – Es gibt kein Rezept – Das musst du tun, dann wird die Welt besser.“ Es seien viele kleine Schritte. „Aber jeder zählt!“ Appelliert sie, unabhängig davon, ob es soziales Engagement ist oder antifaschistisches.

„Hier – Sankt Pauli finde ich klasse. Das ist ein schönes Beispiel. Und ich bin sehr dankbar darüber, dass es Veranstaltungen wie diese gibt.“ Sie nickt. Und lächelt in die Runde.

Im März 2015 erhielt Marianne Wilke für Erinnerungsarbeit und nachhaltiges Engagement gegen Rechtsextremismus das Bundesverdienstkreuz.

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Ich sitze auf den Stufen der Gegengerade. Ganz oben im Stehplatzbereich. Dort, wohin bei Heimspielen mein Blick immer wieder schweift, weil große Fahnen wehen. Und lasse das eben Gehörte in aller Ruhe noch einmal Revue passieren. Der Trubel spielt sich unten ab.

Auf dem Rasen wurden inzwischen die nächsten Partien an- und werden schließlich die letzten für heute abgepfiffen.

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Gute Nacht.

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